Ich möchte ein Nacktmull sein...

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SLR
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Ich möchte ein Nacktmull sein...

#1

Beitrag von SLR » Do 14. Mai 2020, 07:12

Ich möchte ein Eisbär sein, sangen Grauzone im Zuge der Neuen Deutschen Welle Anfang der 80er Jahre.

Doch was sich bei ihnen nicht zweifelsfrei erschloss – außer, dass Eisbären nicht weinen müssen – ergibt sich für den Nacktmull ganz zwangsläufig, erfährt man erst mal einiges über ihn.

Der Nacktmull. Alles an ihm ist hässlich, abgrundtief hässlich, so grässlich hässlich...äh nein, da landen wir bei einem anderen Lied aus dieser Zeit und Codo dem Dritten aus der Sternenmitten… und hassen tut der Nacktmull nicht und muss man ihn auch nicht – wenn man nicht gerade Kamel ist, aber dazu später. Aber wer kennt ihn überhaupt?

Vom Namen angefangen ist wirklich alles an dem Tierchen freundlich ausgedrückt unästhetisch. Bei der Wahl des hässlichsten Tieres der Welt ist er regelmäßig in den Top Ten. Und dennoch, ja dennoch ist er irgendwie putzig, so schutzlos wie er mit seiner schrumpeligen Haut, den zu langen vor den Lippen liegenden Grabezähnchen und den spärlichen Härchen an seinem Körper wirkt.

Nacktmulle sind Nagetiere. Beheimatet in den Wüsten Ostafrikas – Kenia, Äthiopien und Somalia. Dort leben sie in unterirdischen Höhlensystemen, die sie kilometerweit durch die Landschaft buddeln und zwar in Kolonien, die staatenähnlich wie bei Ameisen und Bienen organisiert sind. Es herrscht ein strenges Matriarchat, es gibt eine Königin, die regiert und ausschließlich den Nachwuchs bekommt. Bis zu 450 Junge über viele viele Jahre hinweg.

Denn das ist das erste Kuriosum der nackigen Mulls. Gemessen an ihrem Nagertum und ihrer Größe (etwa hamstergroß) leben sie unglaublich lange – bis zu 30 Jahren. Und im Gegensatz zum Menschen, bei dem die Sterblichkeit mit zunehmendem Alter exponentiell steigt, bleibt sie beim Mull nach der Geschlechtsreife unverändert. Ein theoretisch ewiges Leben.

Woran das liegt, weiß die Wissenschaft noch nicht genau. Sie vermutet einerseits das Sozialsystem andererseits könnte es auch an ihrer DNA liegen, die sich besonders effizient repariert.

https://www.welt.de/kmpkt/article173018 ... illst.html


Ein weiteres Phänomen: Nacktmulle erkranken nicht an Krebs. Das Zauberwort heißt Kontaktinhibition und ist auch beim Menschen vorhanden, ein Mechanismus, der die Zellen vor unkontrolliertem Wachstum schützt – nur hat der Mull sie doppelt. Wie beneidenswert.

Wer lebte nicht gerne schmerzlos oder zumindest schmerzunempfindlicher? Nun der Nacktmull ist damit gesegnet, wenn er beispielsweise mit Säure in Kontakt kommen würde. Seine Schmerzrezeptoren in der Haut sind im Vergleich zu menschlichen verändert und werden bei gewissen Reizen blockiert. Sie geben den Schmerz nicht weiter. Dieses reduzierte Schmerzempfinden ist wichtig, da in den unterirdischen Gängen Sauerstoffmangel herrscht und die Konzentration von Kohlendioxid hoch ist, was zu einer Übersäuerung des Gewebes führt, die bei Säugetieren auch dem Menschen schmerzhafte Verätzungen und Entzündungen auslöst.

Das letzte Wunder, das den Nacktmull endgültig zu einem Objekt der Forschung macht ist aber, dass er bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff auskommen kann!

In ihren Höhlensystemen herrscht ohnedies schon nur ein geringer Sauerstoffgehalt vor. Wenn sich die Tiere zum Schlafen legen, tun sie das zusammengekuschelt über- und untereinander, so dass die unten liegenden so gut wie keinen Sauerstoff mehr bekommen können.


Angetrieben von dieser Beobachtung fand Gary Lewin gemeinsam mit Kollegen der Universität Illinois in Chicago heraus, dass Nacktmulle bis zu 18 Minuten ganz ohne Sauerstoff überleben können. Dies gelingt ihnen dadurch, dass sie vom Brennstoff Traubenzucker, der nur mit Sauerstoff funktioniert um die Zellen zu versorgen auf Fruchtzuckerversorgung umstellen können. Außerdem können sie ihre Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, bei Sauerstoffmangel innerhalb von Minuten ausschalten, so dass Schäden vermieden werden.

Insbesondere diese Fähigkeit ist interessant für die Schlaganfallforschung. Denn wenn ein Mensch länger als drei Minuten keinen Sauerstoff atmet, beginnen Zellen abzusterben und schwerste Schäden drohen.

Der Mull dagegen wacht lediglich ein wenig ramdösig auf und braucht eine wenig Zeit um wieder ganz wie vor der Nachtruhe zu sein.


Das war mal der erste Teil zu den Mulls, die es beispielsweise im Berliner Tierpark gibt.

Und die von Google in seinem Biotechunternehmen Calico bei San Francisco gezüchtet werden, weil man sich von ihnen eben große Fortschritte bei der Entwicklung von Medikamenten zur Schlaganfallbekämpfung macht.

Morgen geht’s weiter mit der Erörterung, warum man evtl. doch kein Nacktmull sein möchte.



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MrACE
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Re: Ich möchte ein Nacktmull sein...

#2

Beitrag von MrACE » Do 14. Mai 2020, 07:36

:mrgreen: Ich ziehe es vor weiter Mensch zu bleiben!
Haller schon in der Jugend, Riedle, Veh und Schuster groß werden sehen und auch noch mit dem FCA an der "Anfield road" gewesen zu sein, mehr geht in einem Augsburger Leben eigentlich gar nicht.
"Augschburger" besser geht eh nicht.

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thai.fun
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Re: Ich möchte ein Nacktmull sein...

#3

Beitrag von thai.fun » Do 14. Mai 2020, 11:49

Ich habe in der Schule gelernt, es gibt auf Erden nichts was nicht seine Funktion im Fauna, Flora oder Menschen Naturkreislauf hat. So stufe ich den Nacktmull unter "ferner liefen" ein. Halt ohne Beine ...
... der werfe den ersten Steintisch!

Bogdan

Re: Ich möchte ein Nacktmull sein...

#4

Beitrag von Bogdan » Do 14. Mai 2020, 13:52

Studie über Nachtmull
:info:

Das schafft die Menschheit nicht. :joint:

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SLR
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Re: Ich möchte ein Nacktmull sein...

#5

Beitrag von SLR » Do 15. Okt 2020, 14:13

Der Tod kam über Nacht. Den Angriff einer jüngeren Konkurrentin um den Thron hat die amtierende Königin nicht überlebt. Das Gemetzel war blutig. 6 Jahre hatte die Königin den Staat der Nacktmulle im Berliner Tierpark regiert und dabei etwa alle 80 Tage einen Wurf von 28 Nacktmüllchen zur Welt gebracht.

Wie schon erwähnt sind Nacktmulle etwa 15 cm lange, fast unbehaarte Nagetiere mit kleinsten Äuglein mit denen sie wenig sehen können (in den Höhlen ist es eh dunkel) und ebensolchen Ohren. Der Tastsinn (dazu fungieren die einzelnen feinen Härchen, die den Körper bedecken) ist für sie enorm wichtig, auch die körperliche Nähe zu den Artgenossen, da sie ihre Körpertemperatur alleine nicht halten können. Sie brauchen es warm. Der Staat ist organisiert wie bei Ameisen und Bienen. Es gibt Arbeiter, Soldaten und Babysitter. Fortpflanzen tut sich ausschließlich die Königin mit ausgesuchten Männchen. Die Weibchen sind während der Regentschaft einer Herrscherin unfruchtbar. Hierarchie ist das wichtigste Gut in einer Nacktmullkolonie. Und alle müssen funktionieren, damit die Hierarchie, die Rangordnung stabil bleibt. Die Freiheit des Einzelnen wird unterdrückt. Nicht die Stärkste kommt an die Macht, sondern die Klügste, diejenige, die Intrigen spinnen, Konkurrenten ausschalten, sich Mehrheiten beschaffen kann – also fast so wie in der Politik.

Wann und warum dann trotzdem eine Ablösung erfolgt, das wissen die Forscher noch nicht.

Nacktmulle leben von Pflanzen und trinken nicht, denn dort, wo sie herkommen gibt es kein Wasser, der Feuchtigkeitsgehalt der Nahrung muss genügen. In den Zoos, in denen sie gehalten werden, neben dem Tierpark in Berlin noch im Aquazoo Löbbecke in Düsseldorf und im Zoo Osnabrück, füttert man ihnen Kohlrabi, Süßkartoffel und Rüben – nur keine Rote Bete, denn da sähen sie immer blutverschmiert aus, was die Besucher in höchste Aufregung versetze.

Dass die Mulle in ihren Herkunftsländern als Kamelmörder gelten ist einem Missverständnis geschuldet. Kamele legen sich nachts zum Schlafen auf die Seite, dabei kommen die Höcker auf den Boden zu liegen. Bei ihren Grabearbeiten kann es nun passieren, dass ein Mull mit seinen spitzen Zähnen durch die Erdoberfläche gräbt und ein Kamel an’beißt‘. Die Verletzung wäre nicht das Problem, aber an den Zähnen haben die Nager so viele Bakterien, dass sich oft die Wunde entzündet und die Kamele daran eingehen. Denen dürfte es dann egal sein, ob das ‚Attentat‘ aus niederen Beweggründen mit Absicht geschah oder eher ein Versehen war.




https://www.youtube.com/watch?v=Mlnj-kNYeR4
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Re: Ich möchte ein Nacktmull sein...

#6

Beitrag von messalina » Do 15. Okt 2020, 14:42

Schön sind sie ja nicht gerade, aber doch irgendwie süß :happy: Aber dass die fast so wie Bienen und Ameisen organisiert sind? Und dass die anderen Weibchen unfruchtbar sind? Bei den Bienen und Ameisen geht das ja irgendwie über Hormone oder Pheromone, aber bei den Nacktmullen, das sind ja Säugetiere? Was es alles gibt..
Vielleicht müsste man da einen Mann fragen

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